Börse Royale: die Prinzipal-Agent-Theorie

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Börse Royale: die Prinzipal-Agent-Theorie

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Liebhaber von Agentenfilmen müssen nicht auf den nächsten Bond-Film warten, um Agenten in Aktion zu sehen – Agenten sind jeden Tag an der Börse präsent. Zugegebenermaßen, eine andere Art von Agenten, aber dennoch genauso wichtig. In diesem Artikel möchte ich die prominente wirtschaftswissenschaftliche Theorie der Prinzipal-Agent-Theorie vorstellen. Zudem möchte ich ein kurzes Beispiel geben, wo ich persönlich diese Theorie in der Praxis angetroffen habe.

… eine Theorie des (Miss-)Vertrauens?

Die Theorie befasst sich mit der Situation, wenn eine Person, eine Gruppe von Personen oder ein Unternehmen Entscheidungen im Namen von Einzelpersonen oder Gruppen von Einzelpersonen treffen kann, beziehungsweise können. Konkret ist dies der Fall, wenn ein Prinzipal einen Agenten anheuert, damit dieser für den Prinzipal ein Anliegen übernimmt. Das klingt zunächst recht diffus, allerdings kommen diese Situationen jeden Tag vor.

Geht man zum Beispiel zu einem Bankberater, um ihn zu beauftragen, die eigene Vermögensverwaltung zu übernehmen, handelt man als Prinzipal und der Bankberater wird zum Agent. Infolgedessen trifft der Bankberater Anlageentscheidungen in unserem Auftrag und orientiert sich bei seinen Entscheidungen idealerweise an unseren Interessen. Ähnlich verhält es sich in der Politik, mit dem Unterschied, dass kein Vertrag unterzeichnet wird. Politiker machen Wahlversprechen, auf deren Basis wir sie wählen, in der Hoffnung, dass sie sich für unsere Interessen einsetzen.

Aus dieser Situation kann sich jedoch ergeben, dass die ausgewählten Agenten nicht in unserem Interesse handeln, sondern ihre eigenen Interessen verfolgen. Der Bankberater investiert als Beispiel in bankeigene Produkte, um Provisionen zu verdienen, oder Politiker geben Versprechen, die nicht eingehalten werden und nur dazu dienen, Wählerstimmen zu sammeln.

Solche Interessenskonflikte werden oftmals durch Informationsasymmetrien ermöglicht. In anderen Worten hat der Prinzipal in der Regel keine vollständige Einsicht in die Handlungen des Agenten, sodass dieser aufgrund solcher Freiheiten in seinem eigenen Interesse handeln kann. Beim Bankberater siehst du vielleicht periodische Performance-Berichte über die Investitionen, die sie für dich getätigt haben und bei Politikern weißt du sowieso nie, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht.

Folgende Divergenz der Interessen ist natürlich für den Prinzipal nicht förderlich, weswegen oftmals monetäre Anreize für Agenten gesetzt werden, um eine gewisse Interessensgleichheit zu ermöglichen. Diese Interessenkonflikte finden sich auch auf dem Aktienmarkt zwischen Aktienanlegern als Prinzipale und Aktiengesellschaften, genauer gesagt deren Manager als Agenten.

Die Prinzipal-Agent-Theorie entstand in den 1970er Jahren aus der Kombination der Disziplinen Ökonomie und Institutionentheorie. Es ist umstritten, wer der Urheber der Theorie ist, wobei die Theoretiker Stephen Ross und Barry Mitnick die Urheberschaft für sich beanspruchen. Ross soll das Dilemma ursprünglich in Form einer Person beschrieben haben, die eine Eissorte 🍦 für jemanden auswählt, dessen Geschmack sie nicht kennt. Die meistzitierte Referenz auf die Theorie stammt jedoch von Michael C. Jensen und William Meckling. Die Theorie hat sich weit über die Wirtschaftswissenschaften oder institutionelle Studien hinaus auf alle Kontexte von Informationsasymmetrie, Unsicherheit und Risiko ausgedehnt.

Optionen über Optionen: Selbstbereicherung vs. Aktionärswert

Unlängst bin ich im Rahmen meiner Aktien-Recherche auf das nordamerikanische Unternehmen Stamps.com (NASD: STMP) gestoßen. Wie der Name verrät, verdient das Unternehmen sein Geld mit Briefmarken. Das Unternehmen erweckte mit einer jährlichen Umsatzwachstumsrate von 24 Prozent über einen Zeitraum von 10 Jahren trotz eines vermeintlich langweiligen Geschäftsmodells meine Aufmerksamkeit.

Quelle: Google Bildersuche

Das kalifornische Unternehmen digitalisiert den Prozess der Briefmarken: Statt zur Post zu gehen, ermöglicht es seinen Kunden, das Briefporto zu berechnen und bezahlen sowie die notwendige Briefmarke / Beschriftungen für den Versand auszudrucken. Zusätzlich übernimmt das Unternehmen den Versandprozess von Online-Shops und Großhändlern. Durch die Digitalisierungsbemühungen im Liefer- und Versandprozess konnte das Unternehmen bisher deutlich wachsen und hohe Margen erzielen.

Mit dem Fortschreiten meiner Recherchen erschien mir die Aktie interessant, insbesondere nach der deutlichen Korrektur der Aktie, die auf die Enttäuschung der Investoren über einen konservativeren Ausblick des Unternehmens folgte.

STMP Insidergeschäfte von FinViz
Insidergeschäfte Stamps.com
Quelle: FinViz

Im weiteren Verlauf habe ich mir für meine Recherche auch die Insidergeschäfte innerhalb des Unternehmens angesehen. Dabei stellte ich fest, dass das Unternehmensmanagement sich sehr aktiv am Handel der eigenen Unternehmensaktien beteiligt.

Ich vertrete grundsätzlich die Ansicht, dass viel Insiderhandel, insbesondere Verkäufe, ein schlechtes Zeichen sind, wenn man bedenkt, dass man als Investor möchte, dass die Unternehmensführung ihre Aktien im Vertrauen auf die Entwicklung der Aktie hält. Bei näherer Betrachtung der Handelsaktivität ist zu beobachten, dass sich das Management bei Kurseinbrüchen Aktienoptionen ausgibt und diese nach einer Kurserholung wenig später mit Gewinn verkauft. Infolgedessen könnten externe Investoren den Verkauf der Aktie durch die Insider als Zeichen dafür interpretieren, dass das Unternehmen überbewertet ist oder dass interne Informationen zu der Annahme führen, dass die Performance nicht fortgesetzt werden kann. Daraus ergibt sich, dass Investoren, die die Aktie halten, verkaufen werden und keine neuen Investitionen von Außenstehenden kommen werden, was den Preis der Aktie senkt und den Kreislauf wiederholt.

Das Management des Unternehmens ist in der Lage, sich selbst zu bereichern, da keine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Anlegern bestehen und diese auch nur begrenzte Einblicke in das Geschehen an der Spitze des Unternehmens haben. Dabei wird deutlich, dass sich die Prinzipal-Agent-Theorie auf vielfältige Weise manifestieren kann.

Es scheint dennoch, dass das Unternehmen trotz der häufigen Insidergeschäfte in der Lage war, für seine Investoren einen hohen Aktionärswert in Form von einer ansehnlichen Rendite zu erwirtschaften – wenn auch mit erheblichen Schwankungen, die zum Teil auf das Handeln des Managements zurückzuführen sein könnten.

Erkenntnis 💡

»Was kann man jetzt aus dieser Beobachtung mitnehmen?«

Prinzipal-Agent-Beziehungen werden sowohl im täglichen Umfeld als auch an der Börse immer wieder vorkommen. Wichtig ist, sich dieser bewusst zu sein und darauf hinzuwirken, Interessenkonflikte zu reduzieren und sie stattdessen auszugleichen. An der Börse kann ein hoher Insiderbesitz ohne viel Insiderhandel Vertrauen schaffen und signalisieren, dass die Unternehmensleitung sich an den Interessen der Investoren orientiert, indem sie versucht, den Aktionärswert zu maximieren, da sie auch wesentlich von steigenden Kursen profitieren würde. Ein hohes Volumen an Insidergeschäften kann hingegen Misstrauen schaffen und den Aktienwert für Investoren bei ansonsten solider Investitionsmöglichkeit mindern.


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